Drei Gründe für Bewerbungslethargie statt Kündigungswelle im Sommer 2022

Bewerbungslethargie

In den letzten Wochen fragen uns vermehrt einstellende Führungskräfte, HR’ler und Recuiter, wo denn die vermeintlich hohe Wechselbereitschaft hin ist, von der laut Umfragen noch bis vor ein paar Wochen die Rede war. Wo ist sie die Great bzw. Silent Resignation und Kündigungswelle, von der man bei der Besetzung offener Stellen profitieren könnte? Irgendwie ist davon aktuell nicht so viel spürbar. Vielmehr scheint gerade nicht nur ein übliches Sommerloch, sondern eine wahrliche Bewerbungslethargie auf Bewerberseite vorhanden zu sein. Und das bei Stellen, die in vergangenen Jahren unter sonst gleichen Bedingungen deutlich mehr Interesse und Bewerbungen generiert haben.

Statt Kündigungswelle Bewerbungslethargie

Die einen sehen darin den nun nahezu flächendeckenden Fachkräftemangel, der sich in den nächsten Jahren nur noch verschärfen wird. Das Mittel der Wahl ist für sie die Anwerbung ausländischer Fachkräfte. Die anderen pochen auf Verbesserung von Arbeitsbedingungen – doch auch in Branchen und Bereichen mit attraktiven Rahmenbedingungen bestehen die Probleme. Und wieder anderen sehen es als Indiz für nicht vorhandenes oder schlechtes Active Sourcing und unprofessionelles Employer Branding. Und versuchen dies als gutes Argument für den Verkauf von entsprechende Kampagnen oder Schulungen zu nutzen.

Gründe für die Zurückhaltung

Geht man mit (potenziellen) Bewerbenden über ihre aktuelle Bewerbungsmotivation ins Gespräch, nennen sie vor allem drei Gründe für ihre aktuelle Zurückhaltung:

  1. Viele sind einfach grundlegend müde von den letzten Pandemie-Jahren und Krisen. Die Sehnsucht nach Stabilität und Bewahren ist groß; die Lust auf Veränderung gering – ungewiss, was darauf folgt.
  2. Nach Wegfall der meisten Corona-Beschränkungen möchte man nun gerade im Sommer das Leben genießen, nachholen, was man an Feiern, Urlaub, Kontakten verpasst hat. In diese Zeit des gewünschten Unbeschwertseins und etwas Treibenlassens passen weder Bewerbungen noch der damit verbundene Bewerbungs- und Vorstellungsstress hinein.
  3. Angesichts steigender Inflation und Energiekosten, sich anbahnender Wirtschaftskrise und politischen Warnungen vor schwierigen Zeiten, ist das Risiko eines Stellenwechsels für viele zu hoch. Gerade, wer Familie oder Eigentum hat, geht da lieber auf Nummer sicher. Egal wie unzufrieden man mit dem aktuellen Job womöglich ist: dieser Job ist für die meisten erst einmal sicher, das Einkommen kalkulierbar. Bei einem Arbeitgeberwechsel hat man nicht nur eine Probezeit als Unsicherheitsfaktor; auch bei möglichen betriebsbedingten Kündigungen zieht man als Person mit geringer Betriebszugehörigkeit den Kürzeren.  

Arbeitgeber – im Kopf umparken

Was also als Arbeitgeber tun? Die Stellen wollen und sollen ja besetzt werden. Und wer weiß, wie lange wir noch im Krisenmodus sind. Aussitzen wird also nicht funktionieren.

Dort sein, wo die gesuchten Kandidaten sich gerade gerne aufhalten

Wenn anders als zu vergleichbaren Zeiten Anzeigen nicht wahrgenommen und auf Direkt-Ansprachen nicht reagiert wird, dann kann es womöglich helfen, da mit seinem Jobangebot zu sein, wo sich Arbeitnehmer aktuell (in ihrer Freizeit) bewegen. Womöglich klickt doch noch der eine oder andere mal neugierig auf eine Job-Werbeanzeige oder entsprechenden Post, z.B.

  • in Social Media, und hier insbes. in den eher privaten Netzwerken oder in Google, z.B. auf Google Ads. Denn hier scrollt man durch, recherchiert, tauscht sich aus, informiert sich über Aktivtäten, Veranstaltungen etc., lädt Fotos hoch und schaut, was andere so treiben. Und wie eine Umfrage zeigt, halten 2022 im Vergleich zum Vorjahr mehr Jobinteressenten über Google und (private) soziale Medien Ausschau nach Jobs.
  • Und vielleicht sind sogar eher Old-school Wege wie Radio-, Plakat- oder Verkehrsmittelwerbung gar nicht mal so verkehrt, um bei der Fahrt von A nach B auf Jobangebote aufmerksam gemacht zu werden. Oder der Rückgriff auf das eher ungewöhnlichen Mittel des Guerilla Recruitings oder Boomerang Recruitings.

Und dann an den Gründen für die Lethargie ansetzen

Und wenn potenzielle Interessenten aufmerksam werden, dann sollte das Thema Arbeitsplatz- und Einkommenssicherheit sichtbar adressiert sein. Wie wäre es z.B. mal mit einem Aussetzen der Probezeit (gerade bei Verträgen mit kurzen Kündigungsfristen), einer Wechselprämie oder einem Inflationsausgleich, Energie- oder Lebensmittelzuschuss. Unser Bäcker um die Ecke versucht es z.B. gerade mit 100 € bei einem Neueinstieg und zusätzlich 45 €-Gutschein für Backwaren monatlich. Laut der Personalleiterbefragung, die Randstad gemeinsam mit dem ifo-Institut im 2. Quartal 2022 durchgeführt hat, bieten 32% der Unternehmen ihren Mitarbeitenden Tankgutscheine an. Einen Zuschuss zu Stromkosten zahlt bisher nur 1% der befragten Arbeitgeber. 18% zahlen einen zusätzlichen Inflationsausgleich.

Und wie könnt ihr das Bewerben stressfrei machen? Vielleicht doch mal über den eigenen Schatten springen und Bewerben mit dem Social Media Profil ermöglichen? Oder bei einem Vorstellungsgespräch mal mit einem eher lockeren Walk & Talk punkten statt mit dem eher steifen Klassiker im Besprechungsraum.

Und zusätzlich gilt es die Zielgruppen und Anforderungen zu überdenken. Wer ist auch unter solchen Rahmenbedingungen wie gerade beschrieben am Arbeitsmarkt? Das sind Absolventen (Ausbildung, Studium), Berufsrückkehrende und Selbständige mit Rückkehrwunsch in eine Angestellten-Tätigkeit, Mitarbeitende aus Branchen, die stark inflations- und energieabhängig sind und ein höheres Risiko eines Arbeitsplatzverlustes haben. Womöglich ist es jetzt besser, ein Traineeprogramm oder ein spezielles Rückkehrer-/Quereinsteiger-Programm anzubieten, als eine Vakanz noch lange Zeit unbesetzt zu halten.

Ruth Böck
Hallo, ich bin einer der Köpfe von upo - Bausteine für Rekrutierungserfolg. Als #RecruitingStarkMacher unterstützen wir Recruiter, mit einem echt starken Recruiting einen erlebbaren Unterschied zu machen. Und so mehr Rekrutierungserfolg zu erzielen. Außerdem bin ich Initiatorin und Mitmacherin dieses Fachportals Rekrutierungserfolg.de. Wenn dir meine Beiträge gefallen, dann trage dich hier gerne für unser upo Magazin mit Tipps & Hinweisen für #RecruitingStarkMacher ein.