
Wenn Arbeitgeber „Künstliche Intelligenz“ direkt in die offizielle Berufsbezeichnung aufnehmen, spricht viel dafür, dass die Technologie vom bloßen Hilfsmittel zum Kern der Tätigkeit geworden ist. Wie eine aktuelle Stellenmarkt-Analyse der Jobseite Indeed in den USA und fünf großen europäischen Märkten zeigt, ist genau das seit 2023 zunehmend der Fall – und Deutschland führt die Entwicklung in Europa an: Im ersten Quartal 2026 verzeichnete der deutsche Arbeitsmarkt 288 neue Jobtitel, in denen die Implementierung von KI explizit im Fokus der Tätigkeit steht. 59 Prozent dieser „KI-geprägten“ Berufe (AI touched) in Deutschland sind dabei nicht im Tech-Sektor angesiedelt.
Deutschland bei neuen KI-Jobs in Europa vorn
Während die USA bei der absoluten Anzahl der KI-Berufsbezeichnungen mit 822 Vorreiter des Vergleichs sind (davon 63 Prozent außerhalb der Tech-Branche), weist der europäische Markt länderübergreifend 751 neue KI-Jobtitel auf. In Deutschland stieg der Anteil der KI‑geprägten Jobtitel mit 288 aktuell auf 4,2 Prozent aller ausgeschriebenen Berufe. Damit liegt die Bundesrepublik vor Großbritannien (160 Titel), Frankreich (138), Spanien (81) und den Niederlanden (84). Auch beim Anteil der Nicht-Tech-Berufe liegt Deutschland mit seinen 59 Prozent auf der europäischen Spitzenposition, knapp vor den Niederlanden (58 Prozent).
Vertraute Berufe, neue Anforderungen: KI in der Sachbearbeitung und im Vertrieb
Besonders deutlich wird diese Entwicklung beim Blick auf konkrete Stellenanzeigen in Deutschland, die zeigen, dass auch eher traditionelle Büro- bzw. Wissensberufe zunehmend durch die Sprache der KI neu definiert werden. So suchen Unternehmen aktuell gezielt nach „Sachbearbeitern für Digitalisierung mit Schwerpunkt KI“, „HR AI & Automation Managern“ zur Effizienzsteigerung im Personalwesen oder „Sales Operations Managern für KI-basierte Vertriebsprozesse“. Auch im Kundenservice („AI Customer Support Manager“), in der Rechtsberatung („Rechtsanwalt für KI-Regulatorik“), im Marketing („AI-Driven Content Creator“) und in der Bildung („Dozenten für KI & Digitale Bildung“) weisen Jobtitel inzwischen explizit auf den KI-Fokus hin.
Dr. Virginia Sondergeld, Ökonomin und Arbeitsmarktexpertin bei Indeed, ordnet die Ergebnisse ein:
„Der Arbeitsmarkt durchläuft durch Künstliche Intelligenz eine Transformation, die mittlerweile über IT-Abteilungen hinausgeht. Längst sind es nicht mehr nur Softwareentwickler oder Data Scientists, deren Tätigkeitsprofile durch KI neu definiert werden, sondern zunehmend Sachbearbeiter, HR-Manager und Vertriebler. Ein grundlegendes Verständnis für KI-Anwendungen und deren praktische Nutzung wird zunehmend zur Standardanforderung – und das branchenübergreifend.
In vielen Berufen müssen Arbeitnehmer potenziellen Arbeitgebern schon jetzt konkret aufzeigen, wie sie KI in ihren eigenen Arbeitsalltag integrieren. In den durch KI neu entstehenden Berufsbildern gehen die Anforderungen jedoch über den Umgang mit den gängigen Tools hinaus: Es werden Talente gesucht, die Anwendungsfälle und Potenzial für Automatisierung identifizieren, Sprachmodelle und Agenten so weiterentwickeln, dass hiervon eine ganze Abteilung oder das gesamte Unternehmen profitieren kann. Dafür braucht es ein tiefergehendes Verständnis der Technologie, ihrer Fähigkeiten und Grenzen.“
→ Eine Grafik zur Verteilung der neuen KI-Berufe nach Berufsgruppe ist hier abrufbar: https://www.datawrapper.de/_/56bIn/
Über die Untersuchung
Analysiert wurden Indeed-Stellenanzeigen von Q1 2022 bis Q1 2026 für die USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Spanien. Ein Jobtitel gilt als „KI-Beruf“, wenn mindestens fünf Anzeigen pro Quartal Begriffe wie „KI“, „GenAI“, „AGI“ oder „Künstliche Intelligenz“ im Titel führen. Diese Mindestanzahl stellt sicher, dass nur Rollen erfasst werden, in denen KI-Terminologie bereits ein fester Bestandteil der Berufsbezeichnung ist.



