Kreativ gegen Nachwuchssorgen – Azubis gewinnen über Job-Erlebnisprojekte

erstellt am: 27.03.2018 | von:

Kirchenchor kämpft mit kreativen Ideen gegen Nachwuchssorgen

Quelle: Kölner Stadtanzeiger von 14.12.2017

Ende letzten Jahres war im Kölner Stadtanzeiger ein Artikel über einen Kölner Chor zu lesen, der Nachwuchssorgen hat. Dieser Chor hat sich etwas einfallen lassen, um neue Sänger für sich zu gewinnen. Er setzt zweimal im Jahr auf Projektarbeit und lädt interessierte Sänger rund um Weihnachten und Ostern zu offenen Gesangsworkshops ein. Und hat damit Erfolg. Ein Ansatz, der sich auch für Ausbildungsbetriebe lohnen könnte, die gerade auch im gewerblich-technischen oder Handwerksbereich Nachwuchssorgen haben. Wir haben die Idee mal weitergedacht.

Nachwuchssorgen von Ausbildungsbetrieben

Insbesondere das Handwerk hat laut Presseberichten große Nachwuchssorgen. Das Handwerk boomt, aber Aufträge können auch angesichts eines Mangels qualifizierter Mitarbeiter oft nicht wie von den Kunden gewünscht zeitnah abgewickelt werden. Der Grund für die Nachwuchssorgen wird natürlich auch im demografischen Wandel und dem Trend zum Studium gesehen. Aber vor allem auch das Image mehrerer Berufe dürfte Schuld daran sein.

Die Kammern versuchen, mit Imagekampagnen dagegen anzukämpfen und Schulabgänger wie Studienabbrecher für eine duale Ausbildung insbesondere auch im Handwerk zu gewinnen. Außerdem wird an die Politik appelliert, neue Wege der Qualifizierung zu gehen. So stehen Themen wie Berufsabitur (Kombination von Ausbildung und Abitur), mehr duale und triale Studiengänge (Ausbildung, Studien- und Meisterabschluss) sowie Meister- oder Meistergründungsprämien in der Diskussion. Und man versucht natürlich auch durch Berufsorientierungstage in Schulen oder in den Kammern Einblicke in die Berufsbilder zu geben.

upo Azubi-Einstellungstest

Berufe selbst erleben statt nur darüber lesen und hören

Umfragen unter jungen Leuten in der Berufsorientierungsphase zeigen immer wieder, dass ihnen konkrete betriebliche und berufliche Einblicke wichtig sind. Sie wollen sich besser vorstellen können, was im jeweiligen Beruf gemacht wird, wie sich der Beruf für sie anfühlt und ob er den eigenen Fähigkeiten und Vorstellungen entspricht. Deshalb stehen bei ihnen auch Probearbeitstage sowie Praktika hoch im Kurs, wie z.B. die Azubi-Recruiting Trends 2017 zeigen. Bewerberzentriertes Recruiting, das u.a. auch Einblicke in den Arbeitsalltag gewährt, bezeichnet der Bundesverband der Personalmanager übrigens als einen von 10 HR-Trends 2018.

Überträgt man nun das o.g. Beispiel des Chors auf Ausbildungsbetriebe, könnten auch Job-Erlebnisprojekte oder Job-Workshops einen solchen Mehrwert bieten und Teil eines bewerberzentrierten Azubi-Recruitings sein. Ausbildungsbetriebe könnten z.B. in den Ferien oder während Berufsorientierungswochen Workshops oder Praxisprojekte anbieten, in denen Jugendliche ein ganz konkretes, für sie persönlich interessantes Projekt zusammen mit Mitarbeitern des Ausbildungsbetriebes bearbeiten und dabei auf ein anfassbares Arbeitsergebnis hinarbeiten.

Beispiele für Job-Erlebnisprojekte/ -Workshops

Wir haben einmal ein paar Beispiele zusammengetragen:

  • Medienbereich: eigene Homepage erstellen oder Werbeplakat erstellen, z.B. für ein Schulfest, den Abi-Ball o.ä., Foto-Shooting organisieren z.B. für Bewerbungsfotos, Schuljubiläum etc.
  • KFZ-Bereich: eigenes Motorrad oder Auto tunen, Beule am Familienauto fachkundig reparieren
  • Friseur-Handwerk: Kurs zum richtigen Haare färben oder zum Frisurenstyling (z.B. für den Strandurlaub, die Party, den Abschlussball, …)
  • Koch: Überraschungsmenü kochen (z.B. zum Geburtstag, Muttertag …), Grillkurs …
  • Bekleidungshandwerk: Schneiderkurs für trendiges Kleidungsstück, Änderung/Aufpeppen von Kleidungsstücken, Herstellen von Assessoires oder Schmuck
  • Tischlerhandwerk: Bau eines Vogelhäuschens (z.B. als Geschenk für Großeltern), Bau eines Möbelstücks aus Paletten (für das eigene Zimmer) o.ä.
  • Maler- und Lackiererhandwerk: Alte Möbelstücke aus dem Kinderzimmer modern gestalten; das eigene Zimmer trendy streichen

Job-Erlebnisprojekte/ -Workshops mit der Brille von Ausbildungsbetrieben

Mehrwerte

Die aus unserer Sicht drei wesentlichen Mehrwerte, die solche Job-Erlebnisprojekte/ -Workshops bringen, sind:

  • Der wohl größte Mehrwert von Job-Erlebnisprojekten ist es, selbst etwas geschaffen zu haben, ein fertiges Ergebnis in den Händen zu halten oder etwas gelernt zu haben, was einem Anerkennung in Familie oder Freundeskreis bringt. Das macht stolz und Lust auf mehr davon.
  • Positiv an solchen Job-Erlebnisprojekten ist zudem, dass man „am eigenen Leib erfährt“, welche Anforderungen der Beruf an einen stellt, mit welchen Maschinen und Materialien man arbeitet und wieviel Arbeit in einem fertigen Ergebnisses steckt. Das fördert die Wertschätzung für diesen Beruf und die dort erstellten Arbeitsergebnisse. Und es lässt einen besser abschätzen, ob der Beruf den eigenen Vorstellungen und Talenten entspricht.
  • Man kann aber auch die Begeisterung der Leute im jeweiligen Betrieb für diesen Beruf erleben, Beispiele von Aufträgen sehen, die die Mitarbeiter täglich bearbeiten, und persönliche Berufswege hinterfragen. Dies öffnet die Augen für das, was den jeweiligen Beruf ausmacht und man daraus machen kann.

Und was hat man als Ausbildungsbetrieb davon? Man prägt das Image des Ausbildungsberufes mit und unterstützt die Motivation Einzelner, sich für eine duale Ausbildung zu entscheiden. Man vermittelt ein realistischeres Bild vom Beruf und trägt dazu bei, die Absprungrate zu verringern. Und man hat die Chance, aus einer solchen Aktion selbst den einen oder anderen Auszubildenden zu gewinnen. Denn wer schon mal den Betrieb und die Kollegen im Rahmen einer solchen Aktion kennengelernt hat und sich dadurch in seiner Berufswahl hat beeinflussen lassen, kann sich oft auch gut vorstellen, dort die Ausbildung zu machen.

Aufwand

Natürlich kosten solche Joberlebnisprojekte/ -Workshops Ausbildungsbetriebe auch etwas.

  • Der größte Aufwand dürfte die Zeit sein, solche Erlebnistage zu organisieren und durchzuführen. Wenn ohnehin schon ein hohes Auftragsvolumen da ist und die Kunden drängeln, dann wird grundsätzlich jeder Mitarbeiter für die Auftragsbearbeitung benötigt.
  • Gleiches gilt natürlich auch für den Einsatz der Maschinen. Und natürlich kosten solche Job-Erlebnisprojekte je nach Art auch den Einsatz von Material.

Aber ganz ohne eigenen Einsatz wird es mit der Nachwuchsgewinnung schwierig; sich nur auf die Initiativen der Kammern oder Innungen zu verlassen, trägt nicht. Der Aufwand kann aber auch reduziert werden, wenn man vernetzt denkt.

Aufwandsreduktion durch Verlinken von Job-Erlebnisprojekten mit anderen Aktivitäten

Warum sollte die Planung und Organisation von Job-Erlebnisprojekten/ -Workshops nicht eine Aufgabe für die aktuellen Auszubildenden des letzten Ausbildungsjahres sein. Die haben schon die notwendigen Fachkenntnisse, bauen ihre Kompetenzen in Team- und Projektarbeit aus, übernehmen Verantwortung und sind eine gute Schnittstelle zu den Kollegen im Betrieb. Außerdem wird ein zusätzlicher Effekt erzielt: sie sind auf Augenhöhe mit den jungen Leuten, die an den Job-Erlebnisprojekten / -Workshops teilnehmen.

Und wenn man eh schon das eine oder andere aktive Ausbildungsmarketing betreibt, z.B. in Schulen geht, Ausbildungsmessen besucht oder an Azubi-Speed-Datings teilnimmt, kann man dort auch zu den Job-Erlebnisprojekten oder -Workshops einladen.

Ach ja: Natürlich gehören Angebote von Job-Erlebnisprojekten (Inhalte, Teilnehmerzahl, Termin etc.) auch auf die Azubi-Karrierewebseite, die eigentlich jeder Ausbildungsbetrieb haben sollte.

Was halten Sie von Job-Erlebnisprojekten/ -Workshops oder haben Sie so etwas schon gemacht? Gerne nehmen wir Ihr Beispiel auf – schreiben Sie uns darüber und über Ihre Erfahrungen.

 

Lesetipp: Bericht über tun-Erlebnisschauen zur Förderung von Nachwuchskräften in Technik und Naturwissenschaften in der Schweiz

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Ruth Böck
... ist einer der Köpfe von upo - Bausteine für Rekrutierungserfolg. Als "Recruiting-Qualitäterin" unterstützt sie Arbeitgeber in der Professionalisierung ihres Recruitings durch Recruiting Checks und Beratung, Konzeption von Recruiting Instrumenten, operative Recruiting Services (RPO) oder den Ausbau von Recruiting Kompetenz durch Webinare, Seminare und Workshops. Außerdem ist sie die Initiatorin von Rekrutierungserfolg.de - dem Portal für das Recruiting.

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