Fehlen Ausbildungsplatzbewerbern (zunehmend) die Basics?

erstellt am: 18.05.2016 | von:

Azubitest-Teilnehmer

© FotolEdhar – Fotolia.com

 

Ausbildungsbetriebe klagen seit Jahren darüber, dass die Qualität der Ausbildungsplatzbewerber sinkt und ihnen Basisqualifikationen fehlen. Dass ein immer größerer Anteil eine Abschlussjahrgangs an Hochschulen geht, verschärft die Lage und ist für viele Ausbildungsbetriebe mit ein Grund für die Probleme bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen. Mängel werden insbesondere in den Rechenfähigkeiten und dem mündlichen wie schriftlichen Ausdrucksvermögen gesehen, aber auch in den Sozialkompetenzen wie Leistungsbereitschaft, Disziplin oder Belastbarkeit (vgl. z.B. DIHK-Ausbildungsumfrage aus 2015). Was die Ergebnisse von objektiven Azubi-Tests dazu sagen, lesen Sie hier.

Noten verlieren an Relevanz

Die Qualität von Ausbildungsplatzbewerbern wird oft an Schulnoten festgemacht. Aber eine gute oder schlechte Note in einem Fach sagt erst einmal nicht viel. Da mag jemand eine 3 in Mathematik haben und dennoch nicht wissen, was ein Trapez ist oder wie man einen Rabatt berechnet; andere können zwar mit Taschenrechner rechnen – aber mal etwas überschlagen oder plausibilisieren? Fehlanzeige! Ähnlich sieht es in Deutsch aus. Eine gute Deutsch-Note heißt nicht zwangsläufig, dass jemand Zeichensetzung und Rechtschreibung beherrscht und umgekehrt. Vielleicht ist er/sie nur besonders kreativ im Geschichtenschreiben oder Interpretieren von Gedichten?  Daher setzten Ausbildungsbetriebe immer häufiger Ausbildungstests ein, um sich über die ausbildungskritischen Kompetenzen selbst ein Bild zu machen.

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upo Azubi-Einstellungstest

Zum Status quo auf Basis von Azubi-Tests

Wir haben uns einmal die Ergebnisse solcher Azubi-Tests genauer angesehen. Dabei haben wir sowohl verschiedene Anforderungen einzeln betrachtet als auch auf die Ergebnis-Entwicklung im Zeitverlauf der letzten Jahre geschaut.

Datenbasis

Grundlage für die Auswertung sind 582 Testergebnisse des upo Azubi-Einstellungstests. Getestet wurden jeweils die folgenden Anforderungen:

  • Kommunikationsfähigkeit: Rechtschreibung, Zeichensetzung, Wort- & Sprachverständnis
  • Zahlenverständnis: Grundrechnen (Strich-/Punktrechnung, Bruch-/Dezimalrechnen), Angewandtes Rechnen (Prozent-/Mittelwertberechnung)
  • Allgemeinwissen: Abkürzungen, geografische Orientierung, wirtschaftliches-soziales Grundlagenwissen
  • Analysefähigkeit: komplexes und logisch-schlussfolgerndes Denken
  • Konzentrationsfähigkeit: Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit, Sorgfalt, Genauigkeit

Die Testteilnehmer verteilten sich über unterschiedliche kaufmännische und IT-Ausbildungsberufe verschiedener Ausbildungsbetriebe. Die Schulabschlüsse der Testteilnehmer reichten vom Hauptschulabschluss bis zur Hochschulreife. Die Tests wurden in den Jahren 2011 bis 2016 durchgeführt.

Die einzelnen Anforderungen im Ergebnisüberblick

AnforderungMittelwert (Jahre 2011-2016)
Kommunikationsfähigkeit77,42
Zahlenverständnis56,30
Allgemeinwissen69,40
Analysefähigkeit62,98
Konzentrationsfähigkeit70,27

© upo 2016

Am besten: Kommunikationsfähigkeit

Diese Anforderung wird auf einer Skala von 0 bis 100 noch am besten erfüllt. Mit einem Durchschnitt von 77,42 Punkten liegt die Kommunikationsfähigkeit – gemessen an der IHK-Notenskala – im oberen Befriedigend-Bereich.

Im Mittelfeld: Allgemeinwissen und Konzentrationsfähigkeit

Mit durchschnittlich 69,40 Punkten liegt das Allgemeinwissen ähnlich wie die Konzentrationsfähigkeit mit 70,27 Punkten im unteren Befriedigend-Bereich.

Die Schlusslichter: Zahlenverständnis und Analysefähigkeit

Die Anforderung, in der die Testteilnehmer am schlechtesten abschneiden, ist das Zahlenverständnis. Mit durchschnittlich 56,30 Punkten kann das Ergebnis nicht überzeugen. Im Bereich Analysefähigkeit liegen die durchschnittlichen Ergebnisse mit 62,98 Punkten etwas besser. Gemessen an der IHK-Notenskala liegen aber beide Werte im Bereich Ausreichend.

Die Ergebnisse weichen von den den Einschätzungen der Ausbildungsbetriebe in der letzten DIHK-Ausbildungsumfrage ab. Bei den beiden wichtigen Kernkompetenzen Rechenfähigkeit und mündliches/schriftliches Ausdrucksvermögen sehen die Ausbildungsbetriebe größere Schwächen in der Kommunikationsfähigkeit als in der elementaren Rechenfähigkeit (vgl. Seite 20).

Zur Entwicklung von Testergebnissen im Zeitverlauf

Im Zeitverlauf der letzten 5 Jahre kann man keine ganz einheitliche Entwicklungstendenz feststellen – weder bei den einzelnen Kompetenzen noch im Durchschnitt. Jedoch ist erkennbar, dass bei den beiden Schlusslichtern Analysefähigkeit und Zahlenverständnis ein Aufwärtstrend vorhanden ist.

Testergebnisse von Ausbildungsplatzbewerbern

 

Die Ergebnisse zur Kommunikationsfähigkeit haben sich nach einem starken Jahr 2013 zunächst nach unten korrigiert, zeigen aber aktuell wieder deutlich nach oben. Im Allgemeinwissen ist eine stetige Zick-Zack-Bewegung zu beobachten, ohne eine klare positive oder negative Tendenz. Auf- und Ab-Bewegungen sind auch bei der Konzentrationsfähigkeit ersichtlich, aber hier kann man insgesamt einen Negativtrend in den Ergebnissen festhalten.

Unterschiede nach Schulformen

Ausbildungsbetriebe legen häufig auch Wert auf bestimmte Schulabschlüsse. Deshalb ist es interessant zu wissen, ob und wie Unterschiede in den Testergebnissen nach (angestrebtem) Schulabschluss der Testteilnehmern aussehen. Dazu haben wir uns die Testergebnisse von zwei Ausbildungsbetrieben mittlerer Größe angesehen. Die beiden Betriebe setzen seit mehreren Jahren den gleichen kognitiven Leistungstest ein, alle anderen Einflussfaktoren sind im Zeitverlauf stabil – gleiche Bewerberzielgruppe, gleiche Vorauswahl, gleiche Anforderungen und Testbausteine. Was kann man beobachten?

AnforderungAbiturFH-ReifeMittlerer AbschlussHauptschul-Abschluss
Kommunikationsfähigkeit85,6575,5680,9976,06
Zahlenverständnis61,1058,9949,7833,65
Allgemeinwissen72,9270,0472,7875,71
Analysefähigkeit74,6261,2965,1851,03
Konzentrationsfähigkeit77,3875,8369,4767,42
Gesamt74,7267,4468,5861,57
  • Bei der Kommunikationsfähigkeit scheiden Schüler/innen mit Abitur und Mittlerem Bildungsabschluss mit 85,65 Punkten bzw. 80,99 Punkten durchschnittlich mit gut ab, gefolgt von Hauptschul-Abgängern mit 76,06 Punkten und Absolventen mit FH-Reife mit 75,56 Punkten als Schlusslicht.
  • Zahlenverständnis: Abiturienten und Abgänger mit FH-Reife erzielen deutlich bessere Ergebnisse als Schulabgänger mit mittlerem Abschluss. Ganz klares Schlusslicht sind im Bereich Rechenfähigkeit die Hauptschüler.
  • Auffällig bei den Testergebnissen zum Allgemeinwissen ist, dass Hauptschulabgänger mit 75,71 Punkten das beste Ergebnis erzielen, gefolgt von Abiturienten und Absolventen mit Mittlerem Abschluss (etwas gleiche Punktzahl). Das Schlusslicht stellen wieder die Abgänger mit FH-Reife dar.
  • Analysefähigkeit: Hier zeigt sich ein ähnliches Bild wie beim Zahlenverständnis. Die Abiturienten liegen mit durchschnittlich 74,62 Punkten vorne, die Hauptschulabgänger erzielen im Vergleich dazu gerade einmal 51,03 Punkte.
  • Bei der Konzentrationsfähigkeit liegt das Feld wieder etwas dichter beieinander, wobei die Ergebnisse von Abiturienten und Absolventen mit FH-Reife auf der einen Seite und auf der anderen Seite von Abgängern mit Mittlerem Abschluss und Hauptschulabschluss ähnlich sind.

Fazit

Die Ergebnisse zeigen, dass Schulabgängern insbesondere im Bereich Zahlenverständnis und auch Analysefähigkeit tatsächlich Basiskenntnisse fehlen. Dies gilt insbesondere für Abgänger mit Hauptschulabschluss. Allerdings kann man nicht feststellen, dass die Ergebnisse sich im Zeitverlauf – wie oft behauptet – kontinuierlich verschlechtert haben. Man kann im Hinblick auf das Gesamtergebnis über alle Anforderungsbereiche sogar eine grundsätzlich positive Entwicklungstendenz feststellen. Auch wenn es über die Jahre Schwankungen gibt, sind gerade beim Zahlenverständnis und der Analysefähigkeit Verbesserungstendenzen in den Testergebnissen ersichtlich. Das korrespondiert auch mit den Ergebnissen der PISA-Studie, nach der die deutschen Schüler gerade auch im Bereich Mathematik Fortschritte zeigen.

Ruth Böck
... ist einer der Köpfe von upo - Bausteine für Rekrutierungserfolg. Als "Recruiting-Qualitäterin" unterstützt sie Arbeitgeber in der Professionalisierung ihres Recruitings durch Recruiting Checks und Beratung, Konzeption von Recruiting Instrumenten, operative Recruiting Services (RPO) oder den Ausbau von Recruiting Kompetenz durch Webinare, Seminare und Workshops. Außerdem ist sie die Initiatorin von Rekrutierungserfolg.de - dem Portal für das Recruiting.
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