Fehlende Berufsorientierung: Da kann Ausbildungsbetrieb was gegen tun

erstellt am: 21.09.2017 | von:

Azubi-Auswahl, Berufsorientierung

© klickerminth – Fotolia.com

Unter hunderten befragter Schülern fühlen sich 37 Prozent der Jugendlichen „weniger gut“ oder sogar „schlecht“ auf das Berufsleben vorbereitet und sie vermissen Berufsorientierung. Das ergab eine Befragung des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft (www.bnw.de). 46% halten sogar den Arbeitgebervorwurf „mangelnder Ausbildungsreife“ für durchaus gerechtfertigt. Denn sie erkennen selbst, dass sie besondere Schwächen in einer Zweitfremdsprache (52%), IT-Kenntnissen (50%), aber auch im wirtschaftlichen Grundverständnis (43%) sowie technischem Wissen (41%) haben. Auch ihre Englischkenntnisse sehen ein Drittel als Manko. Was ihnen ganz besonders fehlt, ist die Berufsorientierung. Für Berufeinblicke nutzen sie vor allem sogenannte Zukunftstage (75%) und Praktika (58%). Wünschenswert aus Sicht der Jugendlichen wären mehr Praktika, Projektwochen und Workshops, aber auch eine systematische und objektive Kompetenzfeststellung.

Wenn man das liest, wundert es nicht, dass es eine nennenswerte Zahl an nicht angetretenen Ausbildungsverhältnissen, aber auch Ausbildungsabbrüchen gibt. Nach dem aktuellen Berufsbildungsbericht brechen ca. ein Viertel der Azubis ihre Ausbildung wieder ab. In einem Interview mit Prof. Deuer, der zu dem Thema forscht (August-Ausgabe des Personalmagazins), ist ein wichtiger Grund für Abbrüche das erlebte Missverhältnis zwischen dem, was der Azubi leistet, und dem, was er zurückbekommt (Vergütung, aber vor allem auch Lob und Wertschätzung). Hier liegen Erwartungen und Realität eben noch sehr oft auseinander.

Authentische Einblicke führen zu realistischen Erwartungen

Arbeitgeber können nicht nur in der Ausbildungspraxis einiges tun, um die erlebte Diskrepanz zu verkleinern. Sie können auch bereits im Vorfeld der Ausbildung stärker dafür sorgen, dass Schüler/innen

upo Azubi-Einstellungstest
  • ein realistisches Bild davon bekommen, was Ausbildungsinhalte sind, welche Aufgaben sie erwarten, mit welchen Arbeitsmitteln sie umgehen und in welchem Arbeitsumfeld sie arbeiten würden.
  • erleben, wie sich betrieblicher Alltag von dem bisherigen erlebtem Alltag in Schule und Zuhause unterscheidet und anfühlt (Struktur, Bezugspersonen, Spielregeln etc.).
  • erfahren, dass es im betrieblichen Alltag eine größere Heterogenität an Personen und Rollen gibt, auf die man sich einstellen und mit denen man umgehen lernen muss als bisher.

Betriebliche Möglichkeiten für Berufsorientierung durch authentische Live-Einblicke

Einen besonders hohen Stellenwert haben hier Angebote, die das eigene Erleben ermöglichen. Dazu gehören z.B. diese:

  • Praktikumsangebote/ Ferienjobs
  • Projektwochen mit dem oder sogar im Unternehmen
  • mindestens eintägige, idealer Weise mehrtägige Workshops mit Unternehmensvertretern
  • Betriebsrundgänge idealer Weise mit aktuellen Auszubildenden etc.

Aber auch andere Informationsangebote sind (ergänzend) wichtig. Dazu zählen insbesondere Informationen auf einer Job-/Karriereseite. Sie dienen nicht nur als primäre Informationsquelle, sondern können auch verstärkende Wirkung nach einen Live-Einblick oder einem persönlichen Kontakt z.B. auf einer Schülermesse haben. Wesentlicher Erfolgsfaktor dabei ist die zielgruppengerechte Aufbereitung der Informationen passend zu den Informationsbedürfnissen und Mediengewohnheiten der Jugendlichen.

Job-/Karriereseite als Informationsquelle für mehr Berufsorientierung

Besonders gut eignen sich Berufseinblicke in das Alltagsgeschäft und die Besonderheiten der Berufsbilder. Dabei sollte man vermeiden, allgemein verfügbare Informationen zum Beruf mehr oder weniger wortgetreu wiederzugeben. Besser ist es, mit eigenen Worten und unterschiedlichen Mitteln den Beruf und die Ausbildung in all ihren Facetten zu umschreiben. Drei gute Möglichkeiten dafür sind:

  • Statements der eigenen Auszubildenden:  Diese lassen sich unterschiedlich „verpacken“ z.B. als kommentierten Videorundgang durch verschiedene Abteilungen, Interviews (Podcast, Video, Text) oder einem Tagesabriss im Sinne von „Ein Tag als Azubi in Abteilung X“ (Videosequenzen, Text).
  • Azubi-Blog: So erfahren potenzielle Bewerber aus erster Hand in einem öffentlichen „Tagebuch“, was so erlebt und gelernt wird.
  • Berufsorientierungstests: Ein hoher inhaltlicher Bezug zum potenziellen Ausbildungsberuf kann so nebenbei/spielerisch direkte Einblicke geben. Das kann z.B. durch entsprechende Aufgabenkontexte oder Items oder durch eingebundene Informationen in Form von Bild, Video oder Text (Recrutainment) erreicht werden.

Natürlich kann man auch andere Unternehmensvertreter auf der Job-/Karriereseite für Auszubildende auf unterschiedlichste Art zu Wort kommen lassen, z.B. Ausbilder, Geschäftsführung, Ausbildungsverantwortliche im Personalbereich oder auch ehemalige Auszubildende, die nach ihrer Ausbildung ihren Weg im Unternehmen gegangen sind.

Und für ganz mutige Ausbildungsbetriebe bietet sich auch mal eine Umfrage unter den Auszubildenden an. Wie bewerten sie die Ausbildung hinsichtlich wesentlicher Themenfelder und wie weit stimmen ihre Erfahrungen mit ihren Erwartungen überein? Eine solche Befragung liefert nicht nur intern wichtige Hinweise für mögliche Optimierungen, (ausgewählte) Ergebnisse können auch nach außen kommuniziert werden.

Häufig noch ein Manko: Azubi-Karriereseite

Nicht wenige Ausbildungsbetriebe scheitern bereits an solch einer Karriereseite. Oft sucht man insbesondere bei kleineren und mittleren Unternehmen vergebens nach einer Job-/Karriereseite auf der Homepage. Im Handwerk fällt das ganz besonders deutlich auf. Die, die eine Karriereseite haben, haben häufig keinen eigenen Informationsbereich für die Zielgruppe Ausbildungsplatzbewerber. Das zeigte z.B. die OReP15-Studie – Mittelstand: Nur ein Drittel der untersuchten Karriereseiten im Mittelstand hatte spezielle Informationsangebote für verschiedene Zielgruppen (z.B. Auszubildende).

Und leider muss man – auch bei größeren Unternehmen – feststellen, dass selbst bei vorhandenen Seiten die Informationen nicht immer zielgruppengerecht und nutzerfreundlich aufbereitet sind. Professionelle Checks des Online-Arbeitgeberauftritts und professionelle Beratung können hier weiterhelfen und sind gut investiertes Geld, wenn man dadurch Ausbildungsplätze besetzen und Fehleinstellungen vermeiden kann – weil eben die Berufsorientierung vorab stimmte.

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Ruth Böck
... ist einer der Köpfe von upo - Bausteine für Rekrutierungserfolg. Als "Recruiting-Qualitäterin" unterstützt sie Arbeitgeber in der Professionalisierung ihres Recruitings durch Recruiting Checks und Beratung, Konzeption von Recruiting Instrumenten, operative Recruiting Services (RPO) oder den Ausbau von Recruiting Kompetenz durch Webinare, Seminare und Workshops. Außerdem ist sie die Initiatorin von Rekrutierungserfolg.de - dem Portal für das Recruiting.

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